Grünberg und seine Weingeschichte - Der schlesische Schriftsteller und Heimatdichter Paul Petras

Die Oder bei Grünberg / Schlesien
Dr. Paul Petras
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Grünberg und seine Weingeschichte

Grünberg
Eine über 800jährige Weintradition
Grünberg in Schlesien, das heutige Zielona Góra, entstand den verschiedenen Quellen nach im 13. Jahrhundert und wurde in einer lateinischen Schenkungsurkunde erstmals am 5. März 1302 erwähnt.

Nach einer Sage soll an dem Ort im Quelltal der Lunze, wo jetzt das Rathaus steht, als erster Anfang Grünbergs eine Meierei mit einem Schafstall angelegt worden sein. Dieser Anfang wird nach der sogenannten Liebigschen Chronik auf den 30. Mai 1222 datiert. Die Erhebung der Siedlung auf dem dünn besiedelten Gebiet zur Stadt unter den Glogauer Herzögen wird zwischen 1265 und 1270 vermutet. Die endgültigen Stadtrechte wurden um 1320 erteilt.

Siedler und Mönche brachten die Reben
Es waren zugewanderten Kolonisten, die sich auf Einladung der piastischen Herrscher im Laufe der Jahrzehnte in und um Grünberg ansiedelten, die etwa um 1150 nicht nur die Kunst der Wollweberei mitbrachten, sondern auch wie manche Siedler aus Franken oder aus dem Rheinland ihre mitgebrachten Weinstöcke anpflanzten. Die sandigen Hügel im Norden und im Südosten von Grünberg versprachen wohl, die Weinkultur der Heimat auch nahe der Order entfalten zu können.

Kloster Paradies

Rund 50 Kilometer entfernt, errichteten der Überlieferung nach agrarkundige Zisterzienser-Mönche des mittlerweile barocken Klasztor Paradyż (Kloster Paradies) bereits um das Jahr 1250 die ersten Weinberge. Urkundlich wird der Grünberger Weinbau erstmals in einem „Verreichs- und Auflassungsdokument“ für das Kloster Neuzelle bei Frankfurt / Oder durch Herzog Heinrich von Glogau, Oels und Posen, datiert Grünberg, 12. Mai 1317, erwähnt. Darin werden die bei der Stadt liegenden Gärten mit 5 Vierdung Zins an das genannte Kloster belegt.
 
Oft genug waren Grünbergs wachsende Haupterwerbszeige – die Tuchmacherei und der Weinbau – in der Folgezeit durch Brände oder Kriegseinwirkungen, aber auch durch verheerende Seuchen in ihrem Bestand gefährdet. Jedoch der Fleiß der Tucher, die oft ihren eigenen Weinbau betrieben, und der der Winzer fand immer wieder Mittel und Wege, die Weinerzeugung zu erhalten. Nicht zuletzt der parallel entstandene Obst- und Gemüseanbau half oft genug, Missernten auszugleichen.

Weinkranz an einer Bürgerschenke

Die Erzeugnisse des Weinbaus wurden nicht nur im eigenen Land, sondern oft bis an die Hafenstädte des Nordens oder bis Polen abgesetzt und brachten Geld in die Stadt. Viele Bürger der Stadt besaßen einen oder mehrere Weingärten und kelterten ihre Weine selbst. Der Wein kam dann entweder in den Bürgerschenken zum Ausschank oder durfte auch auf Grund des besonderen Rechts des Bürgers im eigenen Haus für eine gewisse Zeit im Jahr ausgeschenkt werden. Als Zeichen dafür wurde ein Weidenkranz an langer Stange aufgesteckt und zum Weingenuss eingeladen. Ein Brauch, der dem Stadtleben und dem Stadtbild eine besondere Note verlieh.
 
Einst größtes preußisches Weinbaugebiet
Laut Statistik gab es in Grünberg in den besten Zeiten bis zu 2500 Weingärten oder Weinberge, das Grünberger Weinbaugebiet erreichte 1890 eine Fläche von über 1.400 Hektar und galt damals als das größte von Preußen. Doch etwa seit dem Jahr 1900 setzte ein ständiger Rückgang ein. Bis Ende der zwanziger Jahre schrumpfte die Weinbaufläche auf 150 Hektar. Rebkrankheiten, eine Überalterung der Weinstöcke und mangelhafte Pflege unter Beibehaltung schlechter Sorten, Düngeprobleme sowie fehlender Nachwuchs waren entscheidende Gründe, aber auch der Wandel der Stadt zur Industriemetropole mit Bergbau, Eisengießerei, Maschinen-, Brücken- und Waggonbau, mit Textilwerken, Papierindustrie und Druckereien trugen zum Rückgang des Weinbaus und der zahlreichen Weinhandlungen bei.
 
Grünberg war zwar berühmt als „nördlichste Weinbaustadt der Erde“, u.a. wegen der 1826 gegründeten Sektkellerei Grempler & Co. sowie der Weinbrennereien Buchholz und Raetsch, aber der Ruf des Oderweines in deutschen Landen war trotz seiner nachgewiesenen Qualitäten nicht der allerbeste. Daran änderte auch die Einführung einer qualitativeren Weinbehandlung in manchen privaten Kellern zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht allzu viel, ebenso die Gründung eines Vereins zur Verbesserung des Weinbaues und der Obstbaumzucht 1826. Sein fachliches Erbe übernahmen der Gewerbe- und Gartenbauverein 1834 sowie die 1907 gegründete Winzergenossenschaft unter dem Namen „Winzerverein Grünberg“. Im Jahr 1900 – dem etwas willkürlich angesetzten 750. Jubiläumsjahres des Grünberger Weinbaus – wurden sogar zur generellen Qualitätsverbesserung noch staatliche Musterweingärten angelegt, die unter Leitung eines Weinbaulehrers des Gewerbe- und Gartenbauvereins standen. Die Stadt selbst veranstaltete Weingarten-Prämierungen zur Anregung guter Rebenzucht, auch die Gründung eines Sonderausschusses für Weinbau durch die Landwirtschaftskammer Niederschlesiens mit Sitz in Grünberg und mit Anstellung eines Weinbausachverständigen galt dem Bemühen, die Qualität des Höhenweins anzuheben.
 
"Tausendmal besser und gesünder als mancher stark geschwefelter Auslandswein..."
Resümierend schrieb der Diplomlandwirt J. Latz, der in Grünberg als Sachverständiger der Badischen Anilin- und Sodafabrik Versuche mit künstlicher Düngung von Weingärten unternommen hatte, am 20. Februar 1925 im „Grünberger Wochenblatt“:
 
„In der Ansicht der meisten Menschen ist der ostdeutsche Wein so etwas, was zwischen Gift und Essig die Mitte hält. Ich bin selbst Westdeutscher und als solcher mit den dortigen Weinen hinreichend vertraut, um mir über den ‚Grünberger‘ ein Urteil bilden zu können. Es ist kein ‚Schloss Johannisberger Kellerabzug‘, auch keine ‚Schwarzhofberger Auslese‘, aber es ist ein trinkbarer Wein von der Art der mittleren Rheingauweine, jedenfalls tausendmal besser und gesünder als mancher stark geschwefelte Auslandswein…“
 
Weiterer Rückgang der Rebfläche
Nicht zuletzt die Abwanderung der Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft und dem Weinbau in die Industrie macht Latz für den Rückgang der Rebflächen verantwortlich, weist aber gleichzeitig auf die Gründung einer weiteren Arbeitsgemeinschaft hin, die sich die Förderung des Weinbaus zum Ziel gesetzt hat: „Unter dem Vorsitz des Landrats des Kreises Grünberg tagte am 8. Januar ein Gremium von Weinbausachverständigen. Die eingehend gepflogenen Beratungen ergaben mit Sicherheit, dass der Grünberger Weinbau nicht nur lebensfähig, sondern im guten Sinne auch mit anderen Weinbaugebieten voll konkurrenzfähig ist. Es fehlt jedoch in der ostdeutschen Weingegend an allem. Durch die heutige verstreute Lage der Weingärten ist der Zusammenhalt unter den Winzern verloren gegangen; die gegenseitige Unterstützung fehlt, es mangelt die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen. Dadurch wird die Möglichkeit des Fortschrittes unterbunden, die Großvätermethode wird verewigt und der Rückgang ist nicht aufzuhalten. Vor allem tut dem ostdeutschen Weinbau ein neuer Zusammenschluss not. Grünberg hat darin schon seit einiger Zeit den Anfang gemacht, es fehlen aber noch die anderen Gebiete, so die Gegend um Krossen und Züllichau.“
 
Latz empfahl daher den Zusammenschluss dieser Weinbaugebiete mit Grünberg zu einer ostdeutschen Weinbauarbeitsgemeinschaft. Auch die Landwirtskammer unterstützte diese Idee finanziell. Indes diese und spätere Versuche, zu geschlossenen Weinlagen für Grünberg zu kommen, schlugen weitgehend fehl: 1927 waren nach offizieller Feststellung nur noch 150 Hektar Weinbaufläche vorhanden mit einem Jahresertragswert von rund 100.000 Reichsmark.
 
Statt Weintrauben Speisetrauben
Der Rückgang der Weinproduktion in den 30er Jahren setzte sich auch unter der dirigistischen Reichsnährstandspolitik der Nationalsozialisten weiter fort, die unter anderem vorschrieb, Wein nur noch lokal anzubieten bzw. sonstige Weinprodukte wie Weinhefe oder Weinessig der Wirtschaft zuzuführen. Zwar gab es einige Grünberger, die ihre ehemaligen Weinberge, die inzwischen zu Kartoffel- oder Obstland umgewandelt worden waren, wieder ihrer alten Bestimmung zuführten. Allerdings verlegten sich die meisten jetzt mehr auf die Zucht von Speisetrauben mit mehr Aussicht auf Abnahme im gesamten Reich.
 
Noch im Sommer 1940 appellierte der damalige Kreisbauernführer Henrichs auf der Generalversammlung der Winzergenossenschaft nachdrücklich an die Grünberger Winzer, die zur Verfügung gestellten staatlichen Beihilfen in erster Linie für Neuanlagen zu nutzen. Vor allem müsse erreicht werden, alle Südhänge, die landwirtschaftlich nur wenig Nutzen brächten, wieder für den Weinbau zu gewinnen. Das Ziel müsse sein, die bisherige – auf nur noch 100 Hektar geschrumpfte Anbaufläche – auf 200 Hektar zu steigern. Die Generalversammlung ermächtigte daraufhin den Vorstand, ein Gelände von zwei bis drei Morgen anzukaufen, um dort eine Neuanlage zu errichten. Geplant war Spätburgunder (Böhmischen) anzubauen, eine Rebe, die sich wegen ihrer Winterhärte neben dem Riesling in Grünberg bestens bewährt hatte. Der Winzergenossenschaft gehörten zum damaligen Zeitpunkt 222 Genossen an, davon 108 Bauern, 44 Handwerker, 24 Arbeiter und Angestellte, 16 aus Berufen des Handels und 30 aus verschiedenen Berufsgruppen. Es zeigt die traditionell bunte Struktur der Grünberger Winzerschaft.
 
Mit dem Kriegsende, der Vertreibung des Großteils der Bevölkerung und der anschließenden kommunistischen Verwaltung kam der klassische Weinbau in Grünberg zum Erliegen.
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