Über Grüneberger Wein und Sekt - Der schlesische Schriftsteller und Heimatdichter Paul Petras

Die Oder bei Grünberg / Schlesien
Dr. Paul Petras
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Über Grüneberger Wein und Sekt

Grünberg
1833 Leipzig – Journal für technische und ökonomische Chemie – Band 17:
Ueber den Mousseux und Oeil de Perdrix* der Herren Häusler, Förster und Grempler zu Grüneberg in Schlesien.
Von dem Geh. Rath und Professor Dr. Hermbstardt.
Foto: freshMAG by Liebherr
Die oben genannten Herren fabriciren und debitiren seit einer Reihe von Jahren, aus dem Moste ihrer Weinberge, einen dem ächten Champagner sehr ähnlichen Wein, den sie mit dem Namen Grüneberger Mousseux und Oeil de Perdrix bezeichnet in den Handel bringen, so dass ein geübter Gourmand dazu gehört, um jene Weine vom ächten Champagner zu unterscheiden, wenn ihn nicht die feinern Sorten des ächten Weins zur Vergleichung zur Seite stehen, und er nicht durch die gedruckte Etiquette, mit welcher die Flaschen bezeichnet sind, die Abstammung des Weins erkennet.

Wenn gleich rücksichtlich der guten Qualität ihres Weins, der ein aus dem Moste der Grüneberger Trauben producirtes vaterländisches Getränk ist, die Verfertiger desselben, solchen ohne alles Bedenken unter dem erborgten Namen Champagner in den Handel bringen und ihn zu höhern Preisen in Geld umsetzen könnten: so gestattet solches doch nicht ihre anerkannte Rechtlichkeit, ihrem Fabrikate einen Namen beizulegen, der ihn nicht mit vollem Rechte zugehört; da hingegen manche andere vielleicht kein Bedenken tragen würden, den innern Theil des Stöpsels der Flaschen, so wie die äusserlich angebrachte Etiquette, mit der Firma irgend eines berühmtesn Handelshauses in der Champagne zu bezeichnen; und nicht leicht würde ein solcher Betrug beim Genuss des Weins wahrzunehmen sein.

Es ist wohl mit Gewissheit anzunehmen, dass von dem Wein, welcher unter dem Namen Champagner aus Frankreich nach Deutschland und in andere Länder versendet wird, nicht der dritte Theil der Champagne entwachsen ist; da hingegen zwei Dritttheile aus andern Provinzen Frankreichs, durch einen ähnlichen Prozess der Fermentation des Mostes, wie solcher beim ächten Champagner-Wein geleitet wird, ein dem ächten Champagner ähnliches Getränk erzeugt zu werden pflegt.

Die Art und Weise wie der Champagner, der ächte Mousseux und Nonmousseux aus den in der Champagne gewachsenen Trauben bereitet wird, ist von dem verstorbenen Königlich-Preussischen General-Major v o n  B o g u s l a v s k y , (einem kenntissreichen Landswirth) während seiner Gefangenschaft in der Champagne, im Jahre 1806 genau studirt und in einem Hefte des Bulletin de la société d'Encouragément vom Jahre 1807 beschrieben. Wie aus jener Beschreibung hervorgeht, kommt alles dabei auf die Auswahl der reifsten Trauben und die eigene Behandlung des Mostes an.

Auch in Deutschland gewachsene Trauben geben, besonders in günstigen Jahren, wenn sie zur vollkommenen Reife gedeihen, einen sehr guten trinkbaren Wein. Warum sollte es also nicht möglich sein, auch aus ihnen ohne künstliche, der Gesundheit nachtheilige Zusätze, einen dem ächten Champagner ähnlichen moussirenden Wein darzustellen, wie in Frankreich? Warum sollte nicht, wenn, wie es in der Champagne geschieht, die Vollendung der Fermentation unterbrochen wird, bevor alle Kohlensäure vollkommen entmischt ist, ein moussirender Wein daraus producirt werden können?

Zwar ist das Verfahren, dessen die Herren H ä u s l e r, F ö r s t e r  und  G r e m p l e r sich bedienen, mir nicht bekannt; dass sie aber den einfachsten naturgemässesten Weg dabei beobachten, ohne künstliche Schmiererei, wie man solche oft in Schriften vorgeschlagen findet, solches kann ich mit Bestimmtheit behaupten.

Der weisse so wie der rothe Mousseux aus jener Anstalt sind beide, was geistreiche und gesunde Beschaffenheit, Lieblichkeit des Geschmackes und Geruches, so wie die moussirende Kraft und die Haltbarkeit betrifft, von ganz vorzüglicher Qualität.

Durch die Destillation im Wasserbade gewinnt man daraus eben so viel Alkohol als aus sehr gutem ächten Champagner-Wein. Ich hab ihn fünf volle Jahre lang aufbewahrt, ohne Verderbniss desselben wahrnehmen zu können. Er war, wie im Anfang, geistreich und ungetrübt, hatte keinen Bodensatz gebildet; rücksichtlich der Geistigkeit, schien er noch bedeutend gewonnen zu haben, nur an moussirender Qualität hatte er etwas verloren, wie solches auch bei dem ächtesten Champagner der Fall ist, wenn er mehrere Jahre aufbewahrt wird. Er geht nach und nach in Nonmousseux über und steht darin dem ächten Champagner nicht nach.

Der wohlfeile Preis, (die Handlung verkauft die gewöhnliche Champagner-Flasche nebst Gefäss zu 3/4 berliner Quart = 44 1/4 pariser oder 50 7/8 rheinländischer Kubikzoll im Detail-Verkauf, die Flasche zu 25 Silbergroschen = 5/6 Thaler preussisch Courant, in grösseren Quantitäten wohlfeiler) begründet seinen reichlichen Debit.

Für die gute Qualität dieses Weines, spricht auch der bedeutende Absatz, welchen derselbe bereits gefunden hat, indem jährlich über 60,000 Bouteillen davon abgesetzt werden, welches nur zur grossen Empfehlung desselben gereichen kann.

Um sich von der Wahrheit desjenigen zu überzeugen, was ich hier über die Qualität des Grüneberger Mousseux erörtert habe, darf man sich nur an die Firma der Handlung zu Grüneberg selbst, oder an eines der verschiedenen Depots derselben wenden und sich Proben kommen lassen, und man wird meine Angabe vollkommen begründet finden.
Nachschrift des Herausgebers
Ich verdanke der Güte des Hrn. Verfassers vorstehender Abhandlung einige Flaschen des Grüneberger Mousseux und habe mich von der sehr guten Qualität desselben überzeugt und auch von einigen guten Weinkennern das Urtheil gehört dass derselbe den moussirenden Rheinweinen nur wenig nachstehe. Vom ächten Champagner unterscheidet er sich durch den Mangel der eigenthümlichen leichten Beschaffenheit des letzteren, er hat zu viel Körper und nicht das liebliche Bouquet welches die guten französischen moussirenden Weine auszeichnet. Das Moussiren des Grüneberger Weines hört weit früher auf als beim ächten Champagner, indem die Kohlensäure sich in grösseren Blasen entwickelt, auch bleibt der Schaum nicht so lange als beim ächten Champagner stehen sondern fällt schnell nieder etwa wie bei den moussirenden Rheinweinen. Hinsichtlich der Stärke steht er dagegen dem Champagner nicht nach. Die Hauptsache aber dürfte sein, dass der Grüneberger Mousseux ein durchaus gesundes Getränk ohne die geringste unangenehme Nachwirkung ist, wesshalb er gewiss alle Empfehlung verdient.

* Oeil de Perdrix = (französisch für «Rebhuhnauge») ist ein lachsfarbener Roséwein, der aus Spätburgundertrauben (franz.: Pinot Noir) gekeltert wird.

Foto: www.marekkondrat.pl
Über den Wein- und Obstbau im Kreise Grünberg...
(aus dem Magazin für die Literatur des Auslands – erschienen im „Grünberger Wochenblatt“ vom 24. März 1867)

...hat der Geh. Regierungs-Rath Jacobi, Departementsrath für gewerbliche u a Angelegenheiten bei der Regierung in Liegnitz in den „Schlesischen Provinzblättern“ einen Aufsatz veröffentlicht, der demnächst als Broschüre auch im Buchhandel erschienen ist*). Der Aufsatz bezweckt, einmal die arbeits- und einsichtsvolle Betriebsamkeit, welche sich in der Wein- und Obstkultur von Grünberg kundgiebt, zur gebührenden Anerkennung zu bringen, und ferner die schätzbaren Erzeugnisse dieser Industrie gegen das Vorurtheil zu wahren, mit dem dieselben sonderbarer Weise noch immer zu kämpfen haben.
 
Die wirthschaftliche Bedeutung dieser nördlichsten aller Weinkulturen wird man aus folgenden statistischen Zahlen anerkennen müssen. Von 61.122 Morgen, welche im Jahre 1864 im preußischen Staate dem Weinbau gewidmet waren, gehörten 5263 dem Kreise Grünberg an. Der Most-Ertrag hiervon stellt sich im Durchschnitt der Jahre 1819 bis 1864 auf ungefähr 20.000 Eimer, und erreichte im Jahre 1846 über 68.600 Eimer. In den Jahren 1855 bis 1864 kamen im Grünberger Weinbezirke beinahe 70.000 Thaler Moststeuer auf. Ein volles Weinjahr, wo der Morgen 10-15 Eimer Most bringt, kann dem Kreise Grünberg eine Einnahme von 6-800.000 Thalern gewähren, und im Durchschnitt ist der Ertrag dieser Weinkultur auf 2-300.000 Thaler zu veranschlagen.
 
Gestehen wir, daß wir Alle, die wir dies lesen, zu diesen Summen beigesteuert haben, auch indem wir uns an den Erzeugnissen der Champagne, des Rheingaues, des Garonne-Thales oder des Ungarlandes zu erfreuen glaubten. Neben der zum Glück im Abnehmen begriffenen Abneigung, den Grünberger Wein unter seinem ehrlichen Namen zu trinken, geht merkwürdigerweise eine steigende Anerkennung der Grünberger Speise-Trauben einher, deren Export in den letzten Jahren 500.000 Pfund erreichte. Immer zahlreicher werden die industriellen Unternehmungen, die sich mit der Verwerthung von Erzeugnissen der dortigen Wein- und Obstgärten befassen. Mit Recht aber legt der Verfasser den größten Werth auf die ethische Bedeutung dieser Kultur. Der Grünberger Weinbauer steht in fortwährendem Kampfe mit einem an sich werthlosen, nur durch rastlose Arbeit tragfähig zu machenden Boden, und mit den Härten des Klimas unter dem 52. Grade u.Br. Der Hausvater und seine Angehörigen widmen dem Weingarten jede Mußestunde und finden in der pflegenden Sorgfalt, welche sie der verheißungsvollen Rebe zuwenden, eine Erholung von den sonstigen Mühen des Tages. Mit der Arbeitsamkeit geht die Freude an dem reinen Naturgenuss Hand in Hand. Die Rebe giebt an Veredelung in reichlichem Maße zurück, was sie von ihren Pflegern empfängt, und gern stimmen wir dem Herrn Verfasser in dem Wunsche bei: Gott segne Grünberg’s Reben!
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*) Das Schlesische Weinland oder der Wein- und Obstbau im Kreise Grünberg und dessen schlesische Nachbarschaft. Von L. Jacobi. Breslau, E. Trwendt, 1866. Zu beziehen durch W. Levysohn Grünberg.
Liegnitzer Ausstellungshalle 1880

Eifriger Zuspruch beim Grünberger Wein und Sekt
(Aus den Tagesberichten des "Grünberger Wochenblattes" zur Ersten Niederschlesischen Gewerbe-Ausstellung in Liegnitz 1880)

GW vom 24. Juni 1880 - "Am Montag hatten gegen 8000 Menschen die Liegnitzer Ausstellung besucht und doch war sie nirgends überfüllt, so umfangreich sind der Platz und die inneren Räume. Als letztere um 7 Uhr abends geschlossen waren, entwickelte sich ein wahrhaft großstädtisches Leben in den Gängen und Restaurationszelten. Ueber die "G r ü n b e r g e r  W e i n s t u b e" wird berichtet: Die Restaurateure hatten alle Hände voll zu thun, um den Bedarf an Stoff zu genügen; am lebhaftesten ging es aber dem Vernehmen in der Grünberger Weinstube zu. Der Wein erfreut des Menschen Herz und löst die Zungen, und so begab sich das Wunderbare, dass unter unserm nüchternen norddeutschen Himmel laut gesungen und von vielen Seiten munter eingestimmt wurde. Die Haupt- und Feuerprobe bleibt aber dem nächsten Morgen vorbehalten; denn Kopfschmerz oder nicht Kopfschmerz, das ist hier die Frage. Auch der Grünberger Champagner hat Anerkennung gefunden; am ersten Tag sollen ca. 60 Flaschen getrunken worden sein."

GW vom 26. Juni 1880 - "Grünberg, den 25. Juni. - (Der Grünberger Wein auf der Liegnitzer Ausstellung)  War es noch vor einigen Jahren die 'Weinprobe im deutschen Reichstage,' welche unserem Rebensafte wieder eine ehrenvollere Stelle unter den in- und ausländischen Weinen verschaffte, so dürfte es in diesem Jahre ganz besonders der Liegnitzer Gewerbe-Ausstellung vorbehalten sein, den "Grünberger" auch nach außen hin zum Ansehen zu bringen. Kaum sind 4 Tage seit der Eröffnung der Ausstellung verflossen und schon ist die aus ca. 300 Flaschen bestehende erste Sendung C h a m p a g n e r aus der hiesigen Grempler'schen Champagnerfabrik consumirt; auf telegrafischem Wege wurde obige Handlung heute Vormittag ersucht, der ersten Sendung schleunigst die zweite folgen zu lassen. Auch der von der Firma J o h. S e y d e l & S o h n auf die Ausstellung entsendete Rothwein ist schon vollständig verschenkt. Desgleichen findet der von Herrn L o u i s S e y d e l und Herrn Weinkaufmann M o s c h k e permanent zum Verkauf ausgestellte 59er schnellen und reichlichen Absatz."

GW vom 4. September 1880 - "(Schluss der Niederschlesischen Gewerbe-Ausstellung) Am 1. September, zum Schlusse der Gewerbe-Ausstellung, gab sich ganz Liegnitz noch einmal ein Rendez-vous auf dem Platze zwischen Baumgart-Allee und Mühlgraben. Noch einmal durchschritt Jeder die Räume, in denen so viel des Schönen und Lehrreichen, in der geschmackvollsten Form gruppirt, zu sehen war, noch einmal trat Jeder an die Gegenstände heran, für welche er sich besonders interessirt hatte, um dann mit wehmüthigen Gefühlen und mit einem langen, letzten Zurückblick Abschied von der so überaus wohlgelungenen Gewerbe-Ausstellung zu nehmen. In den Restaurationshallen und auf dem Platze vor denselben herrschte schon in den frühen Nachmittagsstunden das bunteste Leben und als das Stadt-Orchester das Concert begann, waren Stühle absolut nicht mehr zu erlangen. Am lebhaftesten ging es in der G r ü n b e r g e r  W e i n h a l l e zu, deren Wirth sich nur noch in der Lage befand, Sect verabreichen zu können, alle anderen Flaschen- und Fassweine waren bis auf den letzten Tropfen ausgezecht, gewiss eine Leistung, die uns Schlesiern nicht so bald Jemand nachmacht. Mag der Grünberger Wein aber sein wie er will, so viel ist sicher, dass er die Menschen fröhlicher macht als das Bier, denn eine solche allgemeine Lustigkeit, ja Ausgelassenheit, wie wir sie gestern in der genannten Halle beobachten konnten, kann durch das Bier niemals erzeugt werden. Die Leute, welche durch den Wein in fröhliche Stimmung gerathen waren, tobten sich gründlich aus, denn sie wussten, dass ein ähnliches Leben und Treiben wie während der Niederschlesischen Gewerbeausstellung hier in Liegnitz in absehbarer Zeit kaum noch einmal herrschen wird."


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